BewegDichLeicht
BewegDichLeicht

Blog · Ernährung · Verhalten · Training

Ernährung · Intervallfasten · Mythen

Frühstück ist nicht die wichtigste Mahlzeit des Tages — was wirklich zählt

Was wäre, wenn ein bekannter Satz zum Teil aus der Werbung kommt? "Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages" wurde stark durch Werbekampagnen für Frühstücksflocken verbreitet. Was die Forschung dazu sagt, ist weniger eindeutig, als man denkt.

Ganz einfach erklärt

Nachts isst du nichts. Dein Körper holt sich seine Energie dann aus seinen Vorräten, so wie eine Fabrik in der Schichtpause. Wenn du morgens später isst, dauert diese Pause länger. Ob eine lange Pause für dich besser ist als eine kurze, ist wissenschaftlich nicht sicher. Für die meisten Menschen zählt vor allem, was und wie viel du über den ganzen Tag isst.

Seit Jahrzehnten hören wir denselben Satz: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Aber woher kommt diese Überzeugung? Und stimmt sie überhaupt?

Die Antwort auf die zweite Frage lautet: nicht unbedingt. Die Antwort auf die erste Frage ist weniger schön, als man denkt. Bekannt wurde der Satz in den USA vor allem durch Werbekampagnen von Frühstücksflocken-Herstellern, zum Beispiel für Grape-Nuts in den 1940er Jahren. Er ist also nicht aus einer Studie entstanden. Das heißt aber nicht, dass er komplett falsch ist.

Das heißt nicht, dass Frühstück schlecht ist. Es heißt, dass wir die Frage genauer stellen sollten. Wichtig sind vor allem, was du isst und wie viel du insgesamt isst. Wann du isst, hängt von deinem Alltag und deinem Hunger ab.

Was in der Nacht passiert — und was Forscher dazu sagen

Dein Körper schläft, aber er arbeitet. In den Stunden ohne Essen sinkt der Insulinspiegel langsam auf den niedrigsten Punkt des Tages. Insulin ist ein Hormon, ein Botenstoff. Es steigt, wenn du isst. Wenn Insulin niedrig ist, kann dein Körper leichter auf seine Fettreserven zugreifen. Das Bild dazu: Die Lagertür deiner Fabrik geht auf. In deinen Zellen laufen außerdem ständig Aufräum- und Reparaturvorgänge, tagsüber und nachts.

Ein Teil davon heißt Autophagie. Das bedeutet „Selbstverwertung“. Die Zelle baut dabei alte oder beschädigte Teile ab und nutzt die Bausteine neu. Der Japaner Yoshinori Ohsumi bekam 2016 den Nobelpreis für Medizin dafür, dass er erklärt hat, wie das funktioniert.

Was man über Autophagie weiß und was nicht: Autophagie läuft ständig, nicht erst nach langem Fasten. Bei Tieren und in Zellversuchen nimmt sie bei Nahrungsmangel zu. Ob und ab wann Essenspausen sie beim Menschen verstärken, ist nicht belegt. Die oft genannten Zeiten von 12, 14 oder 16 Stunden stammen aus Tier- und Zellversuchen. Eine kleine Studie fand bei Menschen keine Zunahme von Autophagie-Markern im Muskel.

Du wachst morgens um 7 Uhr auf und isst sofort Corn Flakes mit Magermilch. In einer bekannten Messung löste Cornflakes bei gleicher Energiemenge mehr Insulin aus als Eier. Der FII (Food-Insulin-Index) zeigt, wie stark ein Essen den Insulinspiegel steigen lässt. Dann steigt dein Insulin. Das ist völlig normal. So reagiert dein Körper auf Essen. Im Bild: Der Schichtleiter springt auf, Insulin steigt, die Lagertür schließt sich.

Wenn du dagegen erst um 9 oder 10 Uhr isst, dauert deine Nachtpause 13 bis 15 Stunden. Ob dir das etwas bringt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. In einer einjährigen Studie mit 139 Erwachsenen mit Adipositas nahmen Menschen, die nur zwischen 8 und 16 Uhr aßen, nicht nennenswert stärker ab als Menschen, die einfach insgesamt weniger aßen.

Was sagt die Forschung zum Frühstück?

Eine Auswertung von 13 Studien (Sievert 2019) fand: Wer ein Frühstück aß, nahm am Tag im Schnitt etwa 260 Kilokalorien (kcal, also Energie) mehr zu sich. Am Ende wog diese Gruppe im Schnitt etwas mehr, rund 0,4 Kilogramm. Die Studien waren aber kurz (24 Stunden bis 16 Wochen) und hatten Schwächen. Es heißt also nicht: Frühstück macht dick.

Auf der anderen Seite stehen Beobachtungsstudien. Dort haben Menschen, die oft das Frühstück auslassen, im Schnitt ein höheres Risiko für Gewichtszunahme und Herz-Kreislauf-Probleme. Das ist nur ein Zusammenhang. Es ist kein Beweis, dass das Auslassen die Ursache ist. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt in einer Stellungnahme zum Essrhythmus trotzdem regelmäßige Mahlzeiten mit Betonung des Frühstücks. Die ehrliche Antwort lautet: Es gibt nicht die eine richtige Lösung für alle.

Was kein Hunger morgens bedeutet

Viele Menschen haben morgens gar keinen echten Hunger. Trotzdem frühstücken sie. Weil sie gehört haben, dass man es soll. Weil Kolleginnen sagen: "Du musst frühstücken". Weil es sich komisch anfühlt, nicht zu frühstücken.

Das Fabrik-Prinzip

"Eine Fabrik hat Schichten und Pausen. In den Pausen wird aufgeräumt." Das ist nur ein Bild. Ob dein Körper von längeren Essenspausen wirklich profitiert, ist wissenschaftlich noch offen.

Kein Hunger am Morgen ist oft kein Problem. Hunger hat viel mit Gewohnheit und deiner inneren Uhr zu tun. Wenn du morgens nichts essen magst, musst du dich nicht dazu zwingen. Wenn du morgens Hunger hast, ist Frühstücken völlig in Ordnung.

Das gilt aber nicht für jeden. Kinder brauchen regelmäßige Mahlzeiten. Menschen mit bestimmten Krankheiten, besonders Diabetes, sollten Änderungen an ihrem Essrhythmus immer vorher mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Und wer morgens Sport macht, braucht oft Energie davor oder danach. Das ist bei jedem anders.

Der Einstieg in kleinen Schritten — die 1%-Methode für dein Essfenster

Woche 1–2
Beobachten — wann bist du wirklich hungrig?
Führ eine Woche lang ein Esstagebuch. Schreib auf, wann du morgens zum ersten Mal echten Hunger spürst. Nicht Appetit, sondern echten Hunger. Das ist dein natürlicher Startpunkt.
Woche 3–4
30 Minuten verschieben
Iss dein Frühstück 30 Minuten später als gewohnt. Nicht eine Stunde, sondern 30 Minuten. Das ist so wenig, dass du dafür keine Willenskraft brauchst. Aber es summiert sich.
Woche 5–6
Auf 12 Stunden Pause kommen
Letzte Mahlzeit um 20 Uhr, erste Mahlzeit um 8 Uhr. Das ist nur ein Beispiel, kein Muss. Zwölf Stunden Pause sind für viele gut machbar. Probiere aus, wie du dich dabei fühlst. Die Zeit, in der du isst, nennt man Essfenster.
Woche 7+
Längere Pausen nur ausprobieren, wenn es sich gut anfühlt
Frühstücke erst, wenn echter Hunger da ist. Das kann 9, 10 oder 11 Uhr sein. Kein Druck, kein Durchbeißen. Wenn dir schwindelig wird, du dich schwach fühlst oder Heißhunger bekommst, geh wieder zu kürzeren Pausen zurück.

Wichtiger Hinweis: Intervallfasten (bewusst lange Essenspausen) ist nicht für jeden geeignet. Bei Diabetes, Medikamenten (zum Beispiel gegen Blutzucker oder Bluthochdruck), früheren Essstörungen, Untergewicht, Schwangerschaft oder Stillzeit sprich bitte immer zuerst mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Für Kinder und Jugendliche ist es nicht gedacht. Im Schichtdienst kann es besonders schwer sein, feste Essenszeiten einzuhalten. Dieser Artikel erklärt Ernährung ganz allgemein. Er ist kein medizinischer Rat. Alle Angaben sind Richtwerte und ersetzen keine ärztliche Beratung.

Was wirklich zählt — nicht ob, sondern was du isst

Ein wichtiger Punkt ist, was du isst, wenn du isst. Cornflakes lösten in Messungen bei gleicher Energiemenge mehr Insulin aus als Eier. Ein höherer Insulinwert ist aber nicht automatisch „schlecht“. Er zeigt nur, wie stark ein Essen den Insulinspiegel hebt. Wichtiger ist, ob dich dein Essen satt macht und zu deinem Alltag passt.

Und umgekehrt: Wer morgens richtig Hunger hat und ihn mit einem Frühstück stillt, macht nichts falsch. Ein Frühstück mit Eiweiß und Ballaststoffen sättigt viele Menschen gut, zum Beispiel Haferflocken, Ei, Joghurt oder Quark und Beeren. Es geht nie um Verbote. Es geht darum, den Körper zu verstehen.

Quellen

  1. Holt SHA, Brand Miller JC, Petocz P (1997): An insulin index of foods, American Journal of Clinical Nutrition 66(5), 1264–1276 (Cornflakes und Eier im Vergleich): PubMed
  2. Sievert K et al. (2019): Effect of breakfast on weight and energy intake, systematische Übersicht und Meta-Analyse von 13 Studien, BMJ 364:l42: bmj.com
  3. Liu D et al. (2022): Calorie Restriction with or without Time-Restricted Eating in Weight Loss, New England Journal of Medicine 386:1495–1504: PubMed
  4. Deutsche Diabetes Gesellschaft: Stellungnahme zu Mahlzeitentiming und -frequenz (nach St-Onge et al., Circulation 2017): ddg.info (PDF)
  5. Chaudhary MR et al. (2022): Intermittent fasting activates markers of autophagy in mouse liver, but not muscle from mouse or humans, Nutrition 101: Universität Adelaide
  6. Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2016 (Yoshinori Ohsumi, Autophagie): nobelprize.org
  7. Zur Verbreitung des Satzes durch Werbung (General Foods, Grape-Nuts, 1944): The Daily Meal (journalistische Quelle)

Berechne dein Essfenster

Der Essfenster-Rechner zeigt dir, wie lang deine Essenspause aktuell ist und wie dein Essfenster aussehen kann.

Zum Essfenster-Rechner →

Weitere Artikel

→Frühstück und Abnehmen: Was zwei Studien zeigen → Stress und Bauchfett – Cortisol als Bremser → Hunger vs. Appetit – echte Hunger erkennen → Essfenster-Rechner – wann öffnet sich deine Lagertür?

Marcel Schinske · BewegDichLeicht

Ernährungs- und Bewegungscoach aus Rangsdorf bei Berlin. Ich helfe Menschen 30–55 die schon viele Diäten versucht haben — mit einem System das langfristig besser funktioniert.

NÄCHSTER SCHRITT

Erkennst du dich in diesem Artikel wieder? Marcel schaut sich deinen echten Alltag an und zeigt dir was bei dir der stärkste Hebel ist.

Ersten Tag kostenlos testen →

Erster Tag kostenlos · Persönliche Rückmeldung von Marcel