Poole und Kollegen (BMJ, 2017) sammelten 201 Meta-Analysen aus Beobachtungsstudien zu 67 Gesundheitsfragen und 17 Meta-Analysen aus Studien mit Zufallszuteilung. Bei drei Tassen am Tag war das Risiko, an irgendeiner Ursache zu sterben, im Mittel etwa 17 Prozent niedriger als ohne Kaffee (relatives Risiko 0,83). Typ-2-Diabetes, Leber- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kamen seltener vor. Bei Schwangeren und bei Frauen mit Knochenbruchrisiko sahen die Autoren dagegen Hinweise auf Nachteile. In Studien mit Zufallszuteilung stiegen Cholesterin und Triglyzeride leicht, bei Filterkaffee weniger. Etwa drei Viertel der Belege wurden als sehr gering eingestuft. Es sind Zusammenhänge, kein Nachweis, dass Kaffee die Ursache ist.
Ist Kaffee nun gesund oder nicht? Die Antwort ändert sich seit Jahren mit der Schlagzeile. Ein Team aus Großbritannien hat deshalb nicht eine weitere Einzelstudie gemacht, sondern die vorhandenen Meta-Analysen systematisch ausgewertet. Hier steht, was dabei herauskam, wo die Autorinnen und Autoren selbst Grenzen sehen und was das für Menschen im Schichtdienst heißt.
Was die Arbeit ist
Es ist eine sogenannte Umbrella-Review: eine Übersicht über Meta-Analysen. Robin Poole, Julie Parkes und Kollegen haben die Datenbanken PubMed, Embase, CINAHL und Cochrane bis Juli 2017 durchsucht. Eingeschlossen wurden Meta-Analysen, die Kaffeekonsum (meist gemessen in Tassen pro Tag) mit irgendeinem Gesundheitsergebnis bei Erwachsenen verglichen. Sie fanden 201 Meta-Analysen aus Beobachtungsstudien zu 67 verschiedenen Gesundheitsfragen und 17 Meta-Analysen aus Studien mit Zufallszuteilung zu neun Fragen (Blutdruck, Blutfette und Ergebnisse in der Schwangerschaft). Die Veröffentlichung ist 2017 im BMJ erschienen und frei zugänglich. Zu dem Text gibt es eine Korrektur vom Januar 2018.
Das Team hat einen Teil der Meta-Analysen selbst noch einmal nachgerechnet, einheitlich mit einem Zufallseffekte-Modell. Die Qualität der Meta-Analysen bewerteten sie mit dem Werkzeug AMSTAR (im Mittel 5 von 11 Punkten) und die Verlässlichkeit der Belege je Gesundheitsfrage mit dem GRADE-Verfahren.
Was herauskam: überwiegend niedrigeres Risiko
Beim Vergleich von viel gegen wenig Kaffee fanden die Autoren für 19 Gesundheitsfragen einen Zusammenhang mit niedrigerem Risiko und für sechs mit höherem. Bei der Gesamtsterblichkeit lag das niedrigste Risiko bei etwa drei Tassen am Tag im Vergleich zu keinem Kaffee (relatives Risiko 0,83). Rechnerisch ging jede zusätzliche Tasse mit rund 4 Prozent niedrigerem Sterberisiko einher (0,96, 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,94 bis 0,97). Bei Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag der Wert bei drei Tassen bei 0,81 (0,72 bis 0,90). Für das erstmalige Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen lag der niedrigste Wert bei drei bis fünf Tassen (0,85, 0,80 bis 0,90). Über diesen Bereich hinaus sahen die Autoren keinen Anstieg des Risikos, der Vorteil wurde nur kleiner.
Bei Krebs insgesamt lag das Risiko bei viel Kaffee um 18 Prozent niedriger (0,82, 0,74 bis 0,89), unter anderem bei Leber-, Prostata- und Gebärmutterkörperkrebs. Typ-2-Diabetes kam bei viel Kaffee seltener vor (0,70, 0,65 bis 0,75). Am deutlichsten und gleichmäßigsten waren die Zusammenhänge mit Lebererkrankungen: Wer Kaffee trank, hatte seltener eine Fettleber (0,71), eine Leberzirrhose (0,61) und Leberkrebs. Auch Parkinson, Depressionen und Alzheimer kamen seltener vor. Koffeinfreier Kaffee zeigte bei Sterblichkeit und Typ-2-Diabetes Zusammenhänge ähnlicher Größe.
Wo die Arbeit Nachteile sieht
Die Autoren sehen zwei Bereiche, in denen Kaffee mit höherem Risiko einherging. Der erste ist die Schwangerschaft: Bei viel Kaffee war das Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht (Odds Ratio 1,31), für eine Fehlgeburt (1,46) und für eine Frühgeburt im ersten und zweiten Schwangerschaftsdrittel höher. Sie weisen darauf hin, dass sich die Halbwertszeit von Koffein in der Schwangerschaft verdoppelt. Der zweite Bereich sind Knochenbrüche bei Frauen: Viel Kaffee ging mit einem um 14 Prozent höheren Risiko einher (1,14, 1,05 bis 1,24), bei Männern dagegen mit einem niedrigeren (0,76). Viele der zugrunde liegenden Studien hatten wichtige Einflussgrößen wie Kalzium, Vitamin D, Rauchen oder Körpergewicht nicht berücksichtigt.
Auch beim Lungenkrebs fanden frühere Meta-Analysen zunächst ein höheres Risiko. Das verschwand aber weitgehend, wenn man nur Menschen betrachtete, die nie geraucht hatten, oder nur Studien, die das Rauchen berücksichtigt hatten. Die Autoren halten Rauchen für die wahrscheinliche Erklärung, weil Raucherinnen und Raucher häufiger viel Kaffee trinken.
Was in Studien mit Zufallszuteilung passierte
Die 17 Meta-Analysen aus Studien mit Zufallszuteilung betrafen nur wenige Fragen und kurze Zeiträume. Bei den Blutfetten stiegen unter Kaffee im Mittel das Gesamtcholesterin (plus 0,19 mmol/l), das LDL-Cholesterin (plus 0,14 mmol/l) und die Triglyzeride (plus 0,14 mmol/l). Beim Filterkaffee war der Anstieg kleiner, und für LDL und Triglyzeride war der Unterschied nicht mehr eindeutig. Als Ursache gelten die Stoffe Cafestol und Kahweol, die vor allem in ungefiltertem Kaffee stecken. Beim Blutdruck war der Effekt unter Kaffee leicht günstig, aber nicht eindeutig.
Warum man vorsichtig sein muss
Die Autoren sagen selbst, dass der größte Teil der Belege aus Beobachtungsstudien stammt. Nach dem GRADE-Verfahren wurden etwa 25 Prozent der Gesundheitsfragen als geringe Verlässlichkeit und etwa 75 Prozent als sehr geringe Verlässlichkeit eingestuft. Selbst die Meta-Analysen aus Studien mit Zufallszuteilung kamen nur auf „gering“. Nur wenige Zusammenhänge, nämlich die mit Leberkrebs und chronischer Lebererkrankung, waren groß genug, um die Einstufung anzuheben.
Bei Beobachtungsstudien kann sich ein Zusammenhang durch andere Faktoren erklären, die gleichzeitig mit dem Kaffeetrinken zusammenhängen: Rauchen, Alter, Körpergewicht, Alkohol oder auch Einkommen und Bildung. Die Autoren nennen außerdem Studien mit genetischen Methoden (Mendelsche Randomisierung), die für Typ-2-Diabetes und für die Gesamt- und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit keinen genetischen Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang fanden. Das spricht dafür, dass übrig gebliebene Störfaktoren einen Teil der günstigen Zusammenhänge erklären könnten. Weitere Grenzen: Eine Tasse ist nicht genormt, Bohnensorte, Röstung und Zubereitung verändern den Inhalt. Rund 40 Prozent der nachgerechneten Meta-Analysen waren deutlich uneinheitlich, und bei etwa 20 Prozent der geprüften Vergleiche gab es Hinweise auf Verzerrung durch unveröffentlichte Ergebnisse. Aussagen zu Menschen mit bestehender Krankheit sind kaum möglich, weil fast alle Studien Menschen aus der Allgemeinbevölkerung betrachteten. Wirkungen wie Herzklopfen, Unruhe oder Schlafstörungen wurden nicht erfasst, die Arbeit nennt sie aber als wichtig für alle, die entsprechende Medikamente nehmen oder Angst vermeiden wollen.
Was das für Schichtarbeit bedeutet
Die Arbeit sagt nichts über Schichtarbeit. Schlaf und Schlafstörungen gehörten nicht zu den ausgewerteten Fragen, und auch nächtlicher Kaffee im Dienst kam nicht vor. Sie ist deshalb keine Grundlage, um mehr Kaffee zu trinken. Die Autoren empfehlen es auch nicht: Sie schreiben, dass Kaffee innerhalb üblicher Mengen nach heutigem Wissen offenbar nicht schadet (außer in der Schwangerschaft und womöglich bei Frauen mit erhöhtem Knochenbruchrisiko), und dass erst Studien mit Zufallszuteilung klären müssten, ob die Zusammenhänge ursächlich sind. Praktisch heißt das: Wenn du ohnehin Kaffee trinkst, spricht aus dieser Arbeit nichts gegen übliche Mengen. Wie Koffein deinen Schlaf zwischen den Diensten beeinflusst, ist ein eigenes Thema, das in den verwandten Artikeln steht. Wenn du schwanger bist, schwanger werden möchtest oder ein erhöhtes Knochenbruchrisiko hast, sprich die Menge mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Schwangerschaft, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Osteoporose oder Schlafstörungen sprich deinen Kaffeekonsum mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab. Der Artikel ist nicht rechtsgeprüft.
Hinweis: Alle Zahlenangaben sind gerundete Richtwerte aus den genannten Quellen. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
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