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Ganz einfach erklärt

Torquati und Kollegen (2018) werteten 21 Studien aus, in denen Menschen mit und ohne Schichtarbeit über Jahre verglichen wurden. Zusammengefasst war das Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse bei Schichtarbeitenden um 17 Prozent höher (relatives Risiko 1,17, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,09 bis 1,25). Für Erkrankungen der Herzkranzgefäße lag es um 26 Prozent höher. Rechnerisch stieg das Risiko erst nach den ersten fünf Jahren und dann um rund 7 Prozent je weitere fünf Jahre. Das sind Zusammenhänge aus Beobachtungsstudien. Die Autoren sehen selbst Grenzen: Schichtarbeit wurde sehr unterschiedlich erfasst, und es kann sein, dass gesündere Menschen eher in Schichtarbeit bleiben.

Wer jahrelang im Schichtdienst arbeitet, hört früh den Satz, das sei „nicht gesund“. Was steckt dahinter? Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2018 hat die Studien zum Herz-Kreislauf-Risiko zusammengetragen und erstmals auch gefragt, ob die Dauer der Schichtarbeit eine Rolle spielt. Hier steht, was die Arbeit zeigt, was sie nicht zeigt und wo die Autoren selbst Vorsicht verlangen.

Was die Arbeit ist

Es ist eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Luciana Torquati, Gregore Mielke, Wendy Brown und Tracy Kolbe-Alexander (Universität Queensland, Australien). Sie ist 2018 in der Fachzeitschrift Scandinavian Journal of Work, Environment & Health erschienen und frei zugänglich. Die Autoren durchsuchten PubMed, Scopus und Web of Science nach Studien aus den Jahren 2006 bis 2016, in denen Menschen über längere Zeit beobachtet wurden (Kohortenstudien) oder Erkrankte mit Gesunden verglichen wurden (Fall-Kontroll-Studien). Nach dem Entfernen von Doppelungen blieben 488 Artikel, 57 wurden im Volltext geprüft und 21 flossen in die Auswertung ein.

Als Vergleichsgruppe dienten immer Menschen, die nur zu üblichen Tageszeiten arbeiteten. Die Autoren wollten eine ältere Meta-Analyse von 2012 (Vyas und Kollegen, BMJ) aktualisieren, die für Herzkranzgefäß-Ereignisse ein um 24 Prozent höheres Risiko bei Schichtarbeit gefunden hatte. Neu war die Frage, ob das Risiko mit den Jahren in der Schichtarbeit steigt.

Was herauskam: höheres Risiko, vor allem am Herzen

Über alle Herz-Kreislauf-Ereignisse zusammen lag das Risiko bei Schichtarbeitenden um 17 Prozent höher als bei Tagarbeitenden (relatives Risiko 1,17, 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,09 bis 1,25). Die Ergebnisse der einzelnen Studien streuten aber stark: Die Heterogenität lag bei 67 Prozent, das heißt, die Studien kamen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen.

Getrennt nach Art des Ergebnisses zeigte sich: Erkrankungen der Herzkranzgefäße (zum Beispiel Herzinfarkt) traten bei Schichtarbeitenden um 26 Prozent häufiger auf (1,26, 1,10 bis 1,43). Für andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also Gefäßerkrankungen über das Herz hinaus, fanden die Autoren keinen eindeutigen Unterschied (1,04, 0,96 bis 1,14). Bei den Todesfällen insgesamt lag der Wert bei 1,13 (0,99 bis 1,29) und war damit statistisch nicht eindeutig. Wurde nur nach der Todesursache getrennt, lag das Risiko, an einer Herzkranzgefäß-Erkrankung zu sterben, um 18 Prozent höher (1,18, 1,06 bis 1,32) und das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um 22 Prozent höher (1,22, 1,09 bis 1,37). Diese beiden Auswertungen zeigten keine Uneinheitlichkeit zwischen den Studien (0 Prozent).

Die Dauer zählt: erst nach etwa fünf Jahren

Für die Dauer konnten die Autoren nur fünf Kohortenstudien nutzen, die das Risiko nach Jahren in der Schichtarbeit aufgeschlüsselt hatten (16 Schätzwerte, rund 13.440 Herz-Kreislauf-Ereignisse). Wegen zu weniger Daten bei langer Dauer beschränkten sie die Rechnung auf 15 Jahre. Das Ergebnis war kein gerader Anstieg: Das Risiko erhöhte sich erst nach den ersten fünf Jahren der Schichtarbeit signifikant. Danach stieg es um 7,1 Prozent je weiteren fünf Jahren (Konfidenzintervall laut Arbeit 1,05 bis 1,10). Die Autoren sagen, das sei die erste Meta-Analyse, die ein solches Dosis-Wirkungs-Muster für Schichtarbeit und Herz-Kreislauf-Risiko zeige. Sie weisen darauf hin, dass sich in früheren Arbeiten zu Krebs ähnliche Muster gezeigt hatten.

Das Muster beruht auf nur fünf Studien. Es ist ein Hinweis, kein gesicherter Verlauf.

Gilt das für alle gleich?

Die Autoren prüften, ob Geschlecht, Berufsgruppe, Alter, Studienart oder Studiengröße die Ergebnisse erklären. Keine dieser Größen unterschied sich statistisch eindeutig. Bei Frauen lag der Wert bei 1,16 (1,07 bis 1,25), bei Männern bei 1,21 (0,99 bis 1,48), bei Pflegekräften bei 1,16 (1,07 bis 1,25) und bei Beschäftigten aus Chemie- und Nuklearbetrieben bei 1,16 (0,81 bis 1,67). Bei Männern und bei Beschäftigten aus Chemie- und Nuklearbetrieben schließt das Intervall den Wert 1 ein, ein Unterschied zu den Frauen oder Pflegekräften ist damit aber nicht belegt. Nur die Studiengröße erklärte einen kleinen Teil (7,7 Prozent) der Unterschiede zwischen den Studien: Kleinere Studien fanden größere Effekte.

Auffällig ist der Unterschied nach Studienart. Kohortenstudien kamen auf 1,18 (1,10 bis 1,28), Fall-Kontroll-Studien auf 1,03 (0,80 bis 1,34). Der Unterschied war statistisch nicht eindeutig, wird aber von den Autoren nicht näher erklärt.

Wo die Autoren selbst Grenzen sehen

Erstens ist Schichtarbeit in den Studien sehr unterschiedlich definiert. Manche fragten nur „Arbeiten Sie in Schichten? Ja oder nein?“, andere erfassten Nachtschichten pro Monat oder das Schichtsystem. Bei etwa einem Drittel der Kohortenstudien und der Hälfte der Fall-Kontroll-Studien bewerteten die Autoren das Verzerrungsrisiko als hoch, meist wegen dieser ungenauen Erfassung. Studien mit hohem Verzerrungsrisiko in diesem Punkt hatten tendenziell höhere Effekte, der Unterschied war aber nicht eindeutig. Die Autoren sagen deshalb, ihre Schlussfolgerungen seien mit Vorsicht zu lesen.

Zweitens nennen sie den sogenannten „Healthy-Shift-Worker-Effekt“. Gemeint ist, dass vor allem gesunde Menschen in Schichtarbeit gehen oder bleiben, während Erkrankte auf Tagarbeit wechseln oder ganz aufhören. Das könnte dazu führen, dass die Fälle in den Studien unterschätzt werden. Drittens berücksichtigten viele Studien Rauchen, Bewegung, Körpergewicht oder Ernährung nicht ausreichend, obwohl diese Faktoren bei Schichtarbeitenden häufiger ungünstig sind. Die Arbeit kann daher nicht sagen, wie viel des erhöhten Risikos von der Schichtarbeit selbst kommt und wie viel von Lebensumständen, die damit zusammenhängen. Viertens schlossen die Autoren nur Studien aus 2006 bis 2016 ein, und die Arbeit sagt nichts darüber, welche Schichtsysteme günstiger oder ungünstiger sind. Das lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Beim Lesen der Arbeit fallen außerdem kleine Unstimmigkeiten auf: Die Zusammenfassung nennt 173.010 Teilnehmende, im Ergebnisteil stehen 362.591, und für die Uneinheitlichkeit bei Herzkranzgefäß-Erkrankungen stehen 48,0 Prozent in der Zusammenfassung und 58,2 Prozent im Text und in der Tabelle. Wir geben im Artikel die Werte aus dem Ergebnisteil und der Tabelle an. An den Hauptaussagen ändert das nichts.

Was das für dich im Schichtdienst bedeutet

Die Arbeit zeigt Zusammenhänge im Mittel über viele Menschen. Sie sagt nicht, dass du ein Herzproblem bekommst, und sie nennt keine absoluten Zahlen für Einzelne. Ein relatives Risiko von 1,17 heißt, dass ein bereits kleines Grundrisiko um etwa ein Sechstel größer ausfällt, nicht dass jede sechste Person erkrankt. Sie zeigt auch nicht, dass Schichtarbeit die Ursache ist.

Die Autoren schließen mit einem Hinweis an Arbeitgeber und Politik: Weil viele Branchen, auch das Gesundheitswesen, auf Schichtarbeit angewiesen sind, könnten Programme zur betrieblichen Gesundheitsförderung helfen, das Risiko zu senken. Welche das sind, prüfen sie nicht. Eigene Empfehlungen für Betroffene geben sie nicht. Praktisch heißt das nur: Die Arbeit gibt dir keinen Anlass zur Sorge um dich persönlich, aber einen Grund, bei Fragen zu deiner Herz-Kreislauf-Gesundheit und zu Vorsorge deine Ärztin oder deinen Arzt anzusprechen, besonders wenn du schon viele Jahre Schicht arbeitest. Schlaf, Bewegung und Ernährung im Dienst sind eigene Themen, die in den verwandten Artikeln stehen.

Wichtig: Dieser Artikel fasst eine Übersichtsarbeit zusammen. Er stellt keine Diagnose und gibt keine Empfehlung für einzelne Personen. Bei Brustschmerzen, Atemnot oder Herzrhythmusstörungen wende dich sofort an den ärztlichen Notdienst oder wähle die 112. Der Artikel ist nicht rechtsgeprüft.

Hinweis: Alle Zahlenangaben sind gerundete Richtwerte aus den genannten Quellen. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

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Marcel Schinske

Ernährungs- und Bewegungscoach, früher Personal Trainer und Naturalist auf Expeditionsschiffen. Hilft Menschen mit echtem Alltag beim nachhaltigen Abnehmen.

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