Die europäische Leitlinie von 2024 empfiehlt bei erhöhtem Blutdruck oder Bluthochdruck, Natrium auf etwa 2 g pro Tag oder weniger zu begrenzen, das sind etwa 5 g Speisesalz oder ein Teelöffel, inklusive des Salzes in Lebensmitteln. Mehr Kalium über Obst und Gemüse kann zusätzlich helfen, ist aber bei Nierenerkrankung oder bestimmten Medikamenten nur nach ärztlicher Kontrolle sinnvoll.
Salz ist das Thema, das beim Blutdruck jeder kennt. Die neue europäische Leitlinie nennt dazu konkrete Zahlen, räumt aber auch offen ein, wo sich Fachleute uneinig sind. Ich habe den Volltext gelesen und fasse zusammen, was dort steht, ohne mehr daraus zu machen.
Wie viel Salz ist gemeint
Die Leitlinie empfiehlt, die gesamte Natriumzufuhr auf etwa 2 g pro Tag oder weniger zu begrenzen. Das entspricht etwa 5 g Speisesalz, ungefähr einem Teelöffel. Gemeint ist das gesamte Salz, also das, was du dazugibst, und das, was schon in Lebensmitteln steckt. Die Leitlinie betont, dass ein großer Teil des Natriums aus verarbeiteten Lebensmitteln kommt. Ob das Ziel im Alltag leicht erreichbar ist, wird in der Leitlinie selbst als diskussionswürdig bezeichnet.
Die Umrechnung: Salz besteht zu etwa 40 % aus Natrium. 2 g Natrium sind deshalb rund 5 g Salz. Auf Verpackungen steht meist ›Salz‹, nicht Natrium, du kannst also direkt vergleichen.
Für wen gilt das Ziel
Der Beleg für diese Empfehlung ist nach der Leitlinie ausreichend für Menschen mit erhöhtem Blutdruck oder Bluthochdruck, vor allem für die Senkung des Blutdrucks. Für Menschen ohne erhöhten Blutdruck sei die beste Zufuhr weniger klar, auch weil der blutdrucksenkende Effekt dort geringer ausfalle. Als machbaren Kompromiss für die Allgemeinbevölkerung nennt sie eine Spanne von 2 bis 4 g Natrium pro Tag.
Was Salzsenkung bewirkt
Zusammengefasst aus Langzeitstudien: Eine Senkung um 2,5 g Salz pro Tag ging auf Bevölkerungsebene mit etwa 20 % weniger Herz-Kreislauf-Ereignissen einher. Die Wirkung läuft nach der Leitlinie größtenteils über den Blutdruck. In einer Auswertung sank der Blutdruck nahezu linear mit sinkender Natriumzufuhr im Bereich von 0,4 bis 7,6 g pro Tag, und Frauen scheinen im Mittel salzempfindlicher zu sein als Männer.
Die genauere Zahl liefert eine Auswertung von 133 Studien mit 12.197 Teilnehmenden (Huang et al., BMJ 2020), die nur Studien mit 24-Stunden-Urin zuließ. Im Mittel sank die Natriumausscheidung um 130 mmol am Tag, der systolische Blutdruck um 4,3 mmHg, der diastolische um 2,1 mmHg. Pro 50 mmol weniger Natrium (rund 1,15 g Natrium oder knapp 3 g Salz) fiel der systolische Wert um etwa 1,1 mmHg, der diastolische um 0,3 mmHg. Der Effekt war bei Älteren und bei höherem Ausgangsblutdruck größer. Studien unter 15 Tagen Dauer zeigten pro Salzmenge weniger als die Hälfte des Effekts längerer Studien. Die Autoren weisen selbst auf starke Unterschiede zwischen den Studien und auf wenige Langzeitdaten hin.
Das ist ein Bevölkerungsmittel. Wie stark dein Blutdruck auf weniger Salz reagiert, kann die Leitlinie nicht vorhersagen.
Wo die Leitlinie selbst Streit zeigt
Die Leitlinie schreibt offen, dass die Beobachtungsdaten gemischt sind. Manche Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Salzzufuhr und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und manche Auswertungen deuten eine J-Kurve an, nach der sehr niedrige Zufuhr schaden könnte. Die Autorengruppe hält dagegen, dass solche Kurven oft durch umgekehrte Ursache oder Störfaktoren entstehen, dass der Zusammenhang mit Schlaganfall meist linear ist und dass Spot-Urin-Messungen, die in vielen dieser Studien genutzt wurden, weniger zuverlässig sind. Sie hält die Empfehlung deshalb im Ganzen für begründet. Wer die Debatte kennen will: Das ist eine Abwägung der Autorengruppe, kein ausgemachter Konsens aller Forschenden.
Kalium: die andere Seite
Kalium aus Obst und Gemüse wirkt nach der Leitlinie blutdrucksenkend und ist wohl mit weniger Herz-Kreislauf-Risiko verbunden. Die WHO empfiehlt mehr als 3,5 g Kalium pro Tag. Ein niedriges Verhältnis von Natrium zu Kalium im Urin ging mit einer stärkeren Blutdrucksenkung einher.
Bei Bluthochdruck und hoher Salzzufuhr kann nach der Leitlinie mehr Kalium erwogen werden, ohne fortgeschrittene Nierenerkrankung etwa 0,5 bis 1,0 g pro Tag zusätzlich. Beispiele aus dem Text: eine mittelgroße Banane (125 g) enthält etwa 450 mg Kalium, eine Tasse ungesalzener gekochter Spinat 840 mg, eine Tasse zerdrückte Avocado 710 mg. Die Leitlinie nennt auch Salzersatz mit 25 % Kaliumchlorid als Möglichkeit, aus Studien zur Schlaganfallvorbeugung.
Wichtig: Wer eine Nierenerkrankung hat oder kaliumsparende Medikamente nimmt (einige Entwässerungsmittel, ACE-Hemmer, Sartane, Spironolacton), soll den Kaliumspiegel im Blut kontrollieren lassen, wenn die Kaliumzufuhr steigt. Bei fortgeschrittener Nierenerkrankung werden unter 2,4 g Kalium pro Tag genannt. Kaliumsalz und Kaliumpräparate gehören deshalb nicht in Eigenregie in den Alltag.
Praktisch im Schichtdienst
Im Dienst und unterwegs stammt Salz oft aus Brot, Wurst, Käse, Fertiggerichten, Suppen und Snacks. Was davon in deinem Alltag am meisten ausmacht, steht in unserem Artikel zu verstecktem Salz. Als Ausgleich: Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Kartoffeln liefern Kalium und lassen sich gut vorbereiten. Die Leitlinie sagt zu Schichtarbeit nichts Eigenes, diese Verbindung ist meine Übersetzung.
Was dieser Artikel nicht leistet
Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Herz-, Nieren- oder Medikamentenfragen entscheidet deine Ärztin oder dein Arzt. Die Zahlen sind Bevölkerungswerte aus Studien und Auswertungen und sagen nichts darüber, was bei dir passiert.
Wichtig: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung, Messung oder Diagnose. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft, Nierenerkrankung, Medikamenten oder Unsicherheit sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Die Leitlinienlage kann sich ändern. Der Artikel ist nicht rechtsgeprüft.
Hinweis: Alle Zahlenangaben sind gerundete Richtwerte aus den genannten Quellen. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- McEvoy, J.W. et al. (2024): 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal 45(38): 3912-4018, Abschnitt 8.2.1 (Volltext gelesen)
- Huang, L. et al. (2020): Effect of dose and duration of reduction in dietary sodium on blood pressure levels: systematic review and meta-analysis of randomised trials. BMJ 368: m315 (Volltext gelesen)
- McCarthy, C.P., Touyz, R.M., McEvoy, J.W. (2024): The ten commandments for the 2024 ESC guidelines on elevated blood pressure and hypertension. European Heart Journal 45(44): 4682-4683
- Europäische Gesellschaft für Kardiologie (2024): Pressemitteilung zu den Leitlinien (Zweitquelle)
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